03Vorbereitung
Fehler 2: Die Vorbereitung wird unterschätzt
Der zweite häufige Fehler hängt mit dem ersten zusammen, ist aber eigenständig: Projekte starten, bevor die fachlichen, organisatorischen und wirtschaftlichen Grundlagen ausreichend geklärt sind. Die Vorbereitung wird als notwendige Formalität behandelt und nicht als kritische Phase, die über den Projekterfolg entscheidet.
Unklare Planungsgrundlage
Zielbild, Roadmap und Projektumfang sind zu Beginn oft nicht hinreichend konkretisiert. Der gewählte Transformationsansatz – etwa Greenfield versus Brownfield – ist nicht ausreichend validiert. Zentrale Annahmen zu Prozessen, Daten und systemischen Abhängigkeiten sind nicht geprüft. Projektauftrag und Ziele sind nicht verbindlich definiert. Hinzu kommt: Auch Projektmethodik, Governance und die Rolle des Implementierungspartners sind zu diesem Zeitpunkt in vielen Fällen noch nicht ausreichend geklärt. Wird der Implementierungspartner zu spät oder ohne klare Bewertungslogik ausgewählt, fehlt dem Projekt von Beginn an eine belastbare Steuerungsstruktur.
Was folgt, ist absehbar: Umfang und Prioritäten werden im Projektverlauf ständig angepasst, wodurch die Planung ihre Stabilität verliert. Entscheidungen werden situativ statt strukturiert getroffen – weil die Grundlage fehlt, auf der sie fundiert getroffen werden könnten.
Business Case ohne Substanz
Erwartete Nutzen wie Effizienzgewinne, bessere Steuerungsfähigkeit oder höhere Transparenz werden häufig benannt, aber nicht konkret quantifiziert. Potenziale im Business werden nicht systematisch analysiert, und Zielkonflikte zwischen Bereichen bleiben ungelöst.
Das hat praktische Konsequenzen: Wenn im laufenden Projekt wirtschaftliche Abwägungen notwendig werden – Scope-Entscheidungen, Priorisierungen, Kostenverschiebungen – fehlt die belastbare Grundlage, um diese Entscheidungen nachvollziehbar zu treffen. Diskussionen über Zielrichtung und Nutzen beginnen erst dann, wenn sie eigentlich längst geklärt sein sollten. Für den CFO bedeutet das: Er kann Kosten, Nutzen und Prioritäten im Projekt schwer steuern, weil die Referenzgröße fehlt.
Prozesse, Daten und Methodik
Bestehende Prozesse werden nicht systematisch analysiert und hinterfragt. Verantwortung für Prozesse und End-to-End-Zusammenhänge ist weder inhaltlich noch organisatorisch klar definiert. Die Kapazitäten von Prozessspezialisten in den Fachbereichen sind nicht gesichert – obwohl genau diese Personen das operative Wissen mitbringen, das das Projekt braucht.
Erschwerend kommt hinzu, dass ohne klare Methodik für Prozessanalyse und Prozessdesign häufig ein gemeinsamer Rahmen fehlt, um Anforderungen zu strukturieren, End-to-End-Zusammenhänge sichtbar zu machen und Prozessentscheidungen belastbar vorzubereiten. Gerade weil S/4HANA unterschiedliche Bereiche wie Finance, Logistik und weitere Funktionen berührt, braucht es eine methodische Klammer, die fachliche Unterschiede berücksichtigt, ohne die Gesamtsteuerung zu verlieren.
Zwei weitere Themen werden regelmäßig zu spät adressiert: Datenqualität und Stammdaten. Data Cleansing und eine klare Migrationsstrategie für Stammdaten fehlen häufig in der Vorbereitungsphase – und treten dann kurz vor dem GoLive als akutes Problem auf, wenn der Zeitdruck am größten ist.
Unrealistische Zeit-, Budget- und Ressourcenplanung
Aufwand und Komplexität werden zu Beginn fast immer zu optimistisch eingeschätzt. Interne Ressourcen sind nicht ausreichend eingeplant, da die Mitarbeitenden, die Prozesswissen mitbringen und Entscheidungen im Projekt treffen müssen, gleichzeitig im Tagesgeschäft gebunden sind. Ihre Erreichbarkeit ist eingeschränkt, obwohl genau sie bei Problemen gefragt sind. Abhängigkeiten zwischen Workstreams und Risiken werden unterschätzt.
In der Folge werden Zeitpläne nicht eingehalten und Budgets steigen. Die Organisation ist über lange Strecken des Projekts hoch belastet – was die Qualität der Ergebnisse zusätzlich erschwert.
Das eigentliche Problem dabei ist nicht, dass Probleme entstehen, das ist in komplexen Projekten unvermeidlich. Das Problem ist, dass viele dieser Probleme in der Vorbereitungsphase identifizierbar und beherrschbar gewesen wären. In der Umsetzung werden sie sichtbar, aber deutlich schwerer zu lösen.
Vorbereitung als eigene Erfolgsphase verstehen
Vorbereitung ist keine Vorleistung, die man minimieren sollte, um schneller in die Umsetzung zu kommen. Sie ist die Phase, in der die Weichen für alles Weitere gestellt werden. Operative Probleme, die sich durch den Projektverlauf ziehen – steigende Kosten, sinkende Planbarkeit, reaktive Entscheidungen – haben ihren Ursprung fast immer hier.